Sevilla: das größte Archiv der Welt

An einem sonnigen, warmen Novembertag schlendere ich über die Guadalquivir-Brücke von Triana in das historische Zentrum von Sevilla. Man nennt Sevilla das Tor zu Amerika. Von hier aus begann im Jahr 1492 der Aufbruch in die Neue Welt. Ich gehe vorbei an den Orangenbäumen, die malerisch die Straßen und Plätze säumen und begierig die letzten Sonnenstrahlen aufnehmen. Vorbei auch an den feierlichen Kaleschen mit den grazilen andalusischen Pferden, die die letzten Touristen des Jahres durch die Stadt kutschieren. 
Im Schatten der Kathedrale liegt das Archivo de Indias, jenes palastähnliche Gebäude, das 1598 zur Erhaltung und Pflege aller Dokumente, die über 400 Jahre lang aus der Neuen Welt kamen, eingerichtet wurde. Über die festliche Marmorstiege gelangt man in die „Sala de los investigadores“, die mit ihren grauen Granitwänden und den dunkelroten Samtvorhängen jenen feierlichen Pathos ausstrahlt, den die Spanier so lieben und der zugleich auch immer etwas Religiöses an sich hat. Durch die alten Glasfenster kann man nur sehr undeutlich die Konturen des Patios erkennen. Und doch fällt ein einziger Sonnenstrahl auf das Ölbild von Bartolomé de Las Casas, dem berühmten Dominikaner, der für die Rechte der Indios kämpfte, so als würde damit seine Bedeutung unter all den großen Männern Spaniens, die hier an den Wänden verewigt sind, hervorgehoben werden. 

Hier dürfen sich Historiker und Schriftsteller aus aller Welt, sofern ihre Empfehlungsschreiben der strengen Prüfung der Archivbeamten standhalten, in Briefe und Dokumente aus allen Ländern, die der spanischen Krone untertan waren, vertiefen, um Wissenswertes zu erforschen oder Neues zu interpretieren. Hier bewegen sich Menschen, die mit der Geschichte leben. Manchmal scheint es, als besäßen sie kein Gefühl für Raum und Zeit. 

Da arbeitet Berta Quenas, die Anthropologin aus Galizien, bereits über sechs Jahre lang über ihren Landsmann Thomas Medel, einen Zeitgenossen von Las Casas. Da forscht Bernd Hausberger von der Uni Berlin über baskische Bergwerksexperten, die Silberbergwerke in Mexiko und Bolivien betrieben. Da sitzt eine Gruppe amerikanischer Pharmazeutinnen, die im Auftrag eines großen Chemiekonzerns die umfangreichen Kräuterbücher des Leibarztes von Philipp II., Francisco Hernandez de Toledo, wälzen. Auch ein Professor der Tokioter Universität hat von einer japanischen Firma den Auftrag bekommen, die Geschichte eines Silberbergwerks aus dem 16. Jahrhundert, das von Mexiko aus geführt wurde, zu recherchieren. Die Ergebnisse sollen für ein Erlebniszentrum genutzt werden. Hier hat auch ein Oberst der kanadischen Armee Platz genommen, der sich für die Festungsbauten der Spanier in Kuba interessiert. Professor Angel Lopez Cantos, für den die Arbeit im Archiv zu einer „Droge“ geworden ist, sucht nach Beschreibungen katholischer Prozessionen im Mexiko des 16. Jahrhunderts. 
Und da ist Ramon Medina Cledón, Professor und Schriftsteller aus Caracas. Ein Mann von beeindruckender Gestalt, der sich mehrmals täglich stolz wie ein Spanier, oder vielmehr wie ein Venezolaner, im Saal in Szene setzt, um nachzusehen, ob seine akademischen Helfer ausreichend arbeiten. Wie Lastenträger tragen sie ihm die Taschen nach. Vielleicht haben seine Vorfahren seinerzeit mit Diego de Losada Venezuela kolonisiert: denn meistens haben die Nachkommen einstiger Konquistadoren wichtige Ämter inne.
Es liegt etwas Magisches über dem Archiv, über den Briefen, die in 38.903 Aktenbündeln zusammengefasst sind, hinter denen so viele Menschenschicksale stehen. Es gilt als das größte Archiv der Welt. Ob das 1998 geöffnete Vatikan-Archiv größer ist, wird man erst feststellen können, wenn dort der Staub der Jahrhunderte entfernt sein wird. Aus den vergilbten Papieren, die mit dem Federkiel und der alten schwarzen Tinte beschrieben sind, steigen in mir zahlreiche Fantasien und Bilder auf: stolze Konquistadoren mit ihren Ritterrüstungen, ihren mit Straußenfedern dekorierten, glänzenden Stahlhelmen; kleinwüchsige Indios mit ihrer rund geschnittenen pechschwarzen Haartracht; herausgeputzte Vizekönige sowie Piraten und schwarze Sklaven. Sie alle sind hier präsent. 

An diesem magischen Ort haben sich Studenten entschieden, die Universitätslaufbahn einzuschlagen, Professoren haben beschlossen, sich mit der Geschichte des 16. Jahrhunderts zu beschäftigen, andere sind lebenslang an diesen Ort zurückgekehrt, um Jugenderinnerungen aufzufrischen, und wieder andere haben nach einem bereits abgeschlossenen Thema ein halbes Dutzend neuer Themen gefunden und damit ganze Institute beschäftigt. Und vor allem haben sie alle immer einen Grund gefunden, wiederzukommen.
In diesen Räumen ist man keiner Hektik ausgesetzt. Und immer wieder muss man sich in unserem rasanten Zeitalter des Internets vor Augen halten, wie langsam damals die Kommunikation vor sich ging. Ich versuche mir dabei vorzustellen, welche Auswirkungen dies auf die menschliche Psyche hatte. Man sandte einen Brief, dann passierte eine Zeit lang gar nichts und dann erfuhr man vielleicht nach einem Jahr, was daraus geworden ist. Königliche Rundschreiben, Cédulas genannt, wurden meistens in dreifacher Ausfertigung verschifft. Ein Schiff hätte im Sturm untergehen können, ein zweites von Piraten gekapert werden und das dritte wäre dann vielleicht tatsächlich am Bestimmungsort angekommen. 
Bei diesen Gedanken holt mich das dumpfe Notebook-Geklappere wieder in die Realität zurück. Freundliche Aktenträger, Porteros genannt, umsorgen die Forscher, es stehen auch einheimische Historiker mit Rat und Tat zur Seite. In ihren getragen vorgebrachten Antworten spürt man immer wieder den Respekt vor den großen Entdeckungen, vor der unvorstellbaren Leistung Spaniens, einen Kontinent mit dem Federkiel regiert und verwaltet zu haben.

Hinter jeder Bittschrift, Beglaubigung oder Geschäftspost, sei es aus Kuba, Santo Domingo oder Mexiko, stehen Schicksale. Schicksale der Eroberer, die ihre Heimat Spanien verlassen haben, um ihr Glück in der Neuen Welt zu suchen, aber auch die Schicksale der Mestizen mit spanischem Blut und dem Blut der Indios in ihren Adern. Jeder einzelne Forscher im Saal macht seine persönliche Entdeckung der Geschichte, befriedigt seine intellektuelle Neugierde. Fast könnte man meinen, man benötige dazu kriminalistischen Spürsinn.