Der Herbst im Jardin du Luxembourg 

Wann immer ich in Paris bin, statte ich dem Jardin du Luxembourg einen Besuch ab. Er ist mein Lieblingspark. Im Herbst spürt man das letzte Aufbäumen der Natur vor den kalten, nebligen Novembertagen. Kinder spielen noch einmal ausgelassen Fangen, ein paar Studenten von der nahe gelegenen Sorbonne lesen hastig in ihren Skripten oder schmusen auf den grünen Bänken. Die Alten halten ihre Körper den letzten Sonnenstrahlen entgegen, so als könnten sie mittels eingebauter Sonnenlichtkollektoren die Wärme für den allzu langen Winter speichern. In den Beeten und Amphoren wachsen bunte Astern, die den Pariser Winter überstehen werden.

In Gedanken versunken geht dann und wann einer vorbei, dem die Lust am Sinnieren nicht fremd ist: ein Schriftsteller, ein Dichter oder ein Träumer. Intellektuelle, die hier in Saint-Germain-des-Près wohnen. Wenn es kälter wird, tragen sie rote Schals über ihren Tweedsakkos und das Buch eines Philosophen in der Hand. Öfters habe ich den Philosophen Alain Finkielkraut gesehen, wenn er seine Runden im Park drehte. Die majestätischen weißen Steinköniginnen schauen hoheitsvoll auf die jungen Businessfrauen mit ihren Notebooks, ihren schwarzen Hosenanzügen und den hochhackigen, spitzen Schuhen. Als würden sie sagen: „Wir hatten ein besseres Leben.“

Französische Parks haben gegenüber englischen viel weniger immergrüne Rasenflächen, daher sind das Spiel und die kreative Unordnung der goldenen Kastanien- und Platanenblätter auf den erdigen Kiesflächen viel effektvoller. Immer wenn die Blätter von den Ästen fallen und zu Boden schaukeln, laufen die Tauben mit ihnen um die Wette. Da höre ich das eindrucksvolle Chanson von Juliette Gréco „Les feuilles mortes“.

Von seiner Mansarde aus hat Léopold Senghor, der große afrikanische Poet, den Tanz der Blätter in seinen Gedichten beschrieben. Oder die dicken Regentropfen an den Fensterscheiben. Oder die eiligen Wolken von Paris. Voll Sehnsucht nach Afrika.

Rainer Maria Rilke hat ein wunderschönes Gedicht über diesen Garten geschrieben.

Das Karussell
Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht 
sich eine kleine Welle der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt, 
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. 
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel …

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