Buenos Aires - die Stadt der Bücher

Man muss Borges gelesen haben, wenn man sich anschickt, Buenos Aires zu entdecken. Jorge Luis Borges, der Klassiker der Weltliteratur. Der Literaturpapst Lateinamerikas, der Argentinier, der ebenso wie Joyce und Proust keinen Nobelpreis bekommen hat. Seine Liebe zu Büchern, zu Bibliotheken, seine kosmopolitischen Gedanken, seine Verehrung für Europa hat der Weltliterat immer wieder in seinen Werken verarbeitet. Er vergleicht das Universum mit einem Buch und stellt sich das Paradies als riesige Bibliothek vor. Dabei erblindete er schon in jungen Jahren und wurde trotzdem Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Heerscharen von Studenten dienten ihm als Vorleser in seiner dunklen Wohnung im Stadtteil Palermo. Ohne ihn wäre die moderne hispanische Literatur undenkbar. Er hat die Vermischung von Realität und fiktiver Welt geschaffen. Und ist damit zum Vorläufer der Postmoderne geworden. Borges hat Buenos Aires eine Sprache geschenkt, mit der sich die Stadt heute noch identifiziert. Sie lebt in den Büchern von Borges.

Nirgendwo sonst begeistern sich die Menschen so offen für Literatur wie in Buenos Aires. Die Bewohner der Stadt verbringen mehr Zeit mit Lektüre als mit irgendetwas anderem. Jährlich werden allein in Argentinien 20.000 Bücher neu veröffentlicht. Etwa 1000 Buchläden gibt es in der Stadt. Sie sind Treffpunkte, Café-Ersatz, Orte der Stille in einem Meer von Lärm, Hektik und hupenden Autos. Das Buch mit seiner „entschleunigenden Wirkung“, wie es Frank Schirrmacher von der FAZ bezeichnet: Hier ist es zu Hause. In der Zeit der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 haben sich Schriftsteller in ihre Wohnungen zurückgezogen und ihr Geld mit Schreibwerkstätten und Lektürezirkeln verdient, erzählt Cristina Sanchez, Literaturprofessorin an der Universität. Vielleicht gibt es daher so viele Schriftsteller in der Stadt. Die anhaltende Liebe zur Literatur führt Cristina unter anderem auf die Militärdiktatur zurück. Es waren immer die Bücher, die das Leben in den schweren Zeiten Argentiniens erträglich machten.

In Lateinamerika gelten die Argentinier als arrogant. Sie selbst fühlen sich aufgrund ihrer kulturellen Errungenschaften privilegiert. Denn nirgendwo sonst gibt es eine größere Verschmelzung vieler Elemente der alten Welt. Und das spürt man überall in dieser unsagbar schönen Stadt, die einen Hauch von Paris und Madrid verströmt. Auf dem Sonntagsmarkt von San Telmo trifft man auf einen riesigen Trödelladen verstaubter europäischer Andenken. Wen auch immer man kennenlernt – Ruben, den Besitzer der Polo-Ranch, oder den Schriftsteller Oliviero Coelho –, jeder erzählt sofort, dass sein Vater Italiener sei, seine Mutter aus England stamme, seine Frau aus Deutschland und deren Familie eigentlich aus Frankreich. Und der Großvater ein Portugiese sei. Borges hat einen scherzhaften Spruch geprägt: Der Argentinier ist ein Italiener, der Spanisch spricht, sich verhält wie ein Engländer und davon träumt, Franzose zu sein.

Voller Erwartung stehe ich vor dem Eingang des Buchladens El Ateneo Grand Splendid an der breiten Avenida Santa Fe. Das Ateneo galt lange als größter und schönster Buchladen der Welt, bevor ihm eine Buchhandlung im mexikanischen Guadalajara, wo alljährlich die größte Buchmesse der Spanisch sprechenden Welt stattfindet, den Rang ablief. Das Attribut der „schönsten Buchhandlung der Welt“ ist ihm geblieben. Wer auch immer den umgebauten Theatersaal von 1910 betritt, bleibt staunend mit halboffenem Mund unter der himmelblauen, mit Fresken verzierten Kuppel stehen. Bis zur höchsten Loge sind Bücher gestapelt. Und in den Rundungen der Logen sitzen Leser und noch mehr Leser, bis spät in die Nacht. Auf der Bühne, hinter dem weinroten Samtvorhang, sitze ich in einem brauen Lederfauteuil. Bedeutende Buchläden haben anscheinend alle braune Lederstühle. Ob in Wien, in Budapest oder in Blackwell’s Bookshop, der „ältesten Buchhandlung der Welt“, in Oxford: Überall saß ich in einem brauen Lederstuhl. Hier sind zahlreiche Lesebesessene um mich herum, teilweise auch Menschen, die es genießen, hier Stunden verbringen zu können, ohne die Bücher kaufen zu müssen. „Ich gehe heute Nachmittag ins Ateneo lesen!“

Ich schaue mir die Leser an, die sich vielleicht gerade in ein Buch verliebt haben. Neben mir sitzt ein junger Mann an seinem Laptop. Womöglich ein Autor oder einer, der es werden will. Welche Gedanken kommen mir, wenn ich einen älteren Argentinier in der Loge lesen sehe? Hier ist der Leser Zuschauer, vor dem im Geiste die Handlung des Buches wie ein Theaterstück abläuft. Es ist eine Welt der Träume, der Fantasie, in die man hier eintaucht. Dort, wo früher Tangoshows und Stummfilme und noch früher europäische Klassiker gespielt wurden. Für viele Argentinier bedeuten Bücher Orientierung und Halt. Die Bücher der Schriftsteller, die ich im Laufe der nächsten Tage treffen werde, liegen vor mir auf dem Tisch. Leopoldo Brizuela schrieb ein Buch über die Überfahrt von Lissabon im Jahr 1942, Oliverio Coelho über eine aktuelle argentinische Familie vor dem Hintergrund der 70er Jahre. Martin Kohan beschäftigte sich in seinem letzten Buch mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur. Sie sehnen sich alle nach ihren Wurzeln zurück. 
Die Tangomelodie mit dem Bandoneon ist so dezent eingestellt, dass sie beim Lesen nicht stört. Auf der anderen Seite der Bühne sitzen ein paar junge Leute, die angeregt diskutieren. Argentinier lieben die Konversation: Worte mit Leben zu erfüllen ist ein Zug ihres Nationalcharakters. Man hat wohl hier mehr Zeit, sich auszutauschen und Freundschaften zu pflegen. Borges bestellte immer, wie er sagte, „wenig anstrengende Kost“ wie Reis und Nudeln, damit ihn das Essen nicht am Reden hinderte.

Als ich von Cristina zur Buchpräsentation von Liliana Heker mitgenommen wurde, erlebte ich eine große Schriftstellerfamilie, deren Mitglieder sich minutenlang in den Armen lagen. Wahrscheinlich haben sie sich in der schweren Zeit, in der sie nicht öffentlich auftreten konnten, gegenseitig sehr unterstützt. Es werden wohl auch in Zukunft die Bücher sein, die in schweren Zeiten das Leben der Argentinier erträglich machen …


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