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Tagebuch Sevilla

20.03.2008: Die Straße „Calle de las Sierpes“ in Sevilla
Die Abendsonne strahlt auf die bunten Häuser mit den engen Balkons, auf denen kaum eine Person stehen kann. Sie dürfen nicht breiter sein, damit die „pasos“, die schweren Prozessionsaufbauten, in der Semana Santa daran vorbeikommen. Dann, wenn sich Sevilla in der Osterwoche in eine riesige Kirche verwandelt. Und wenn am Gründonnerstag die schwarz gekleideten Sevillanerinnen mir ihren schwarzen Spitzen-Mantillas die Prozessionen verfolgen. So mancher Caballero durchschreitet die Straße gemessenen Schrittes, wenn er abends vor dem Essen nochmals „por la calle“ geht, um Bekannte zu treffen, eine „copita“ zu trinken und gesehen zu werden. Die Calle de las Sierpes schlängelt sich bis zum Rathaus, mit vielen Ecken, Vorsprüngen, alten Geschäftsfassaden. Genau das macht sie so romantisch, im Gegensatz zu den nach römischem Vorbild linear angelegten Straßen anderer spanischer Städte. Wie oft habe ich hier in der kleinen Bodega gesessen, um mein Tonicwasser zu trinken, und habe immer wieder die Straße entlanggeschaut. Das Bild der gelben, roten oder grünen Fassaden vor einem strahlend blauen Himmel hat sich fest in meiner Seele eingeprägt. Damit ich die kalten Wintermonate besser ertragen kann. Da klingelt eine kleine Kirche ihre Gläubigen herbei. Da schiebt eine stolze Großmutter ihre Enkelin in einem rosa aufgeputzten Kinderwagen vorüber. Dort läutet das Chronometer. Und immer hört man die Melodien einiger Peruaner auf ihrer Panflöte. Sevilla hat einen besonderen Liebreiz. Die Plätze mit den freundlichen Orangenbäumen, das Dahinplätschern des Wassers in den Marmorbecken der Patios, das sanfte Galoppieren der andalusischen Pferde, die die Touristen in ihren Kutschen durch die Stadt fahren. All das fasziniert mich immer wieder aufs Neue …
 
 
10. 4.2008: Die Geschichte der Guerilla
Groß, blond und strahlend stand er in der Tür. Juan Luis Mejía Aranjo. Genau so stellt man sich einen Kolumbianer nicht vor. Später im Gespräch erzählte er mir, dass seine Vorfahren aus Asturien kommen, er also ein sogenannter „criollo“ ist. Das heißt ein nur von Spaniern abstammender Kolumbianer, ohne Vermischung mit Indios oder Mestizen. Im Parque de Maria Luisa, dem ehemaligen Gelände der iberoamerikanischen Weltausstellung von 1929, steht der Palacio des kolumbianischen Konsulats mit seinen bunten Kachelwänden, seinen Türmchen und seinem gigantischen Patio. Don Juan hatte mir zugesagt, mich über die Geschichte der Guerilla in Kolumbien zu unterrichten, über die verschiedenen Gruppierungen, die teils von Priestern der katholischen Kirche gegründet wurden, und warum dieses Land heute zu den gewalttätigsten der Erde gehört …
 
 

Tagebuch Paris

16.10.2007: Ein sonniger Oktobertag im Jardin du Luxembourg
Es ist das letzte Aufbäumen der Natur vor den kalten, nebligen Novembertagen. Kinder spielen noch einmal ausgelassen Fangen, ein paar Studenten aus der nahegelegenen Sorbonne lesen eifrig in ihren Skripten oder schmusen auf den grünen Bänken. Die Alten genießen die letzten Sonnenstrahlen auf ihrem Körper, so als könnten sie mittels eingebauter Sonnenreaktoren die Wärme für den allzu langen rheumatischen Winter speichern. In den Beeten und Amphoren wachsen bunte Astern, die den Pariser Winter überstehen werden.
In Gedanken versunken geht dann und wann einer vorbei, dem die Lust am Sinnieren nicht fremd ist: ein Schriftsteller, ein Dichter oder ein Träumer, Intellektuelle, die hier in Saint-Germain-des-Prés wohnen. Wenn es kälter wird, tragen sie rote Schals über ihren Tweedsakkos und das Buch eines Philosophen in der Hand.
Die majestätisch anmutenden weißen Steinköniginnen schauen hoheitsvoll auf die jungen Businessfrauen mit ihren Notebooks, schwarzen Hosenanzügen und hochhackigen, spitzen Schuhen.
Französische Parks haben im Vergleich zu englischen viel weniger immergrüne Rasenflächen, daher ist das Spiel und die kreative Unordnung der goldenen Kastanien- und Platanenblätter auf den erdigen Kiesflächen viel effektvoller. Immer wenn die Blätter von den Ästen fallen und zu Boden schaukeln, laufen die Tauben mit ihnen um die Wette.
Während ich das Schauspiel betrachte, denke ich unwillkürlich an die tiefe Stimme von Juliette Gréco und ihren Chanson von den „feuilles mortes“ sowie an Yves Montand, der immer wieder die Blätter in den Pariser Parks besungen hat. Oder an Cyrano de Bergerac, wie er in seiner Todesstunde unter einem Baum sitzend die fallenden Blätter bewunderte und so poetisch von der Grazie des letzten Fluges eines goldenen Blattes sprach, bevor dieses am Boden stirbt …
 
 
28.11.2007: Forscherglück
Wenn man in einem Buch über Cecil Rhodes im Oxforder Rhodes House eine Grafik entdeckt, die man gerne in seinem eigenen Buch veröffentlichen möchte, aber nicht weiß, wo man sie im Original findet, und sie dann in der alten Pariser Nationalbibliothek zufällig auf einer Mikrofilmrolle zum Thema französische Kolonisation sieht, so nennt das Lopez Cantos, mein Professor in Sevilla, „den höchsten Glückszustand eines Forschers, einer Droge ähnlich“. Und das an einem regnerischen Novembertag, nachdem ich mir mit viel Mühe den Zutritt zum Heiligtum der Franzosen in der Rue de Richelieu erkämpft habe …
 

Tagebuch Oxford

18.10.2005: My home in Old Headington
„Private researchers have to stay in special Bed & Breakfast accomodations“, befahl mir die zuständige University-Lady, als ich in Oxford eine Unterkunft suchte. Nur eine der zu befolgenden strengen „rules“, genauso wie die, dass Studenten in der Stadt nur mit dem Fahrrad unterwegs sein dürfen. Uns Kontinentaleuropäern ist die Institution B&B nur schwer zu erklären. Man wohnt als Fremder mitten in einer Familie, bekommt gleich bei der Ankunft den Hausschlüssel überreicht und morgens Kaffee und Toast direkt von der Hausfrau serviert. Das Häuschen von Nora Jones steht im idyllischen Vorort Old Headington. Hier umgeben mich altmodische Harry-Potter-Figuren mit dem speziellen Sinn für Familienleben. Dies gepaart mit einer eigenartigen Mischung aus Höflichkeit und Offenheit einerseits sowie abrupter Distanz und Alleingelassenwerden andererseits. Ich habe mir sagen lassen, dass dies keinesfalls ein Zeichen von Interesselosigkeit oder gar Geringschätzung sei, sondern vielmehr des Respekts vor der Persönlichkeit des Gastes, seinen Wünschen und eigenen Initiativen. Unabdingbar ist hingegen, dass ich täglich mindestens einmal die Rosen im Garten bewundere.
Ein kleiner Sittingroom – kleiner als das Shakespeare-Zimmer in Stratford –, ein eigener Bathroom und ein Bedroom sind hier schon eine große Ausnahme und kosten ebenso viel wie meine grandiose Pariser Mietwohnung mit Blick auf den Dome des Invalides. Mit ihren „paying guests“ finanziert Mrs. Jones schließlich ihr ganzes Häuschen. Über dem Bett hängen private Familienfotos, im Flur Klassenbilder mit Kindern in Schuluniform. Statt Mischarmaturen finden sich am Waschbecken immer noch gnadenlose Low-Tech-Geräte: ein Hahn für kaltes und einer für heißes Wasser – Fingerverbrennen garantiert. In England ist schließlich nichts perfekt, das gilt besonders für die kleinen Dinge des Alltags. Ich merke doch, dass ich ein „Comfort-Lover“ bin. Alles ist basic. Der Herd soll möglichst nicht benutzt werden. Er sieht wirklich so aus, als stamme er noch aus der Tudorzeit. So gibt es also nur „light cooking“, d. h. Mikrowellen-Food.
Wenn ich am Abend, oft bei leisem Nieselregen, nach einem arbeitsreichen Tag in der Bibliothek des Rhodes House in mein stilles, verwunschenes Headington mit den 400 Jahre alten Eichen und den grauen Steincottages zurückkomme, gehe ich am Nachbarhaus vorbei, das Brian Aldiss gehört, dem bekannten Science-Fiction-Autor. Der alte Herr sitzt bis spät in die Nacht vor seinem Computer und der Schein des Screens beleuchtet sein weißes Haar. Wenn im Dezember der Nebel und Regen über Oxford fällt, stelle ich mir vor, dass er einen Krimi schreiben wird: „Der Mörder von Headington“ …
 
 
02.11.2005 : Ein Nachmittag im Indian Institute
Die Dächer von Oxford, vom Indian Institute aus gesehen, muten mit ihren Statuen, ihren gotischen Spitzen und Türmen, ihren zu Stein gewordenen Kobolden und Fabelwesen, die in den grauen, wolkenverhangenen Regenhimmel ragen, viel lebendiger an als die strengen klosterähnlichen College-Gebäude. Fast scheint es so, als hätte man alles, was das harte Leben in den Colleges stören könnte, auf die Dächer verbannt. In jeder Stadt, die man lieb gewonnen hat, gibt es Ecken, Plätze, Gebäude und Objekte, die man immer wieder aufsucht. In Oxford wird es für mich auf immer und ewig das Indian Institute bleiben. Wäre ich Werbetexter, würde ich headlinen: „Oxford ist Spitze!“
Wenn der Regen die Dächer und Kuppeln sauber gewaschen hat, erscheinen sie wie in ein faszinierendes Silberbad getaucht und erhellen sogar die dunklen Regenwolken. Ich beobachte ein rasch und plötzlich wechselndes Spiel von Wind- und Regenwolken. Oxford hat vitale, aktive Wolken. Man spürt die Nähe des Meeres. Plötzlich öffnet sich ein Sonnenfenster. Die Sonne vergoldet die geballten Wolken und lässt sie diffus erscheinen wie auf einem Turner-Bild. Vor den Panoramafenstern des Indian Institute stehen die Büsten der britischen Gouverneure und Vizekönige in Indien. Ich arbeite hier an einem Porträt Nehrus …